Re:Raum

Zwischen den Welten

- ist Architektur Kunst oder Wissenschaft?

Kunstvolle Fassade
Zwischen den Welten

Es gibt unzählige Bauwerke auf der Erde, aber nicht alle kann man als Architektur bezeichnen. Le Corbusier hat zu seiner Lebzeit Architektur wunderbar in einem Satz zusammengefasst: „Architektur ist das kunstvolle, korrekte und großartige Spiel der unter dem Licht versammelten Baukörper!“. Es umfasst Architektur mit ihren Widersprüchen und unterschiedlichen Aspekten. Das Leben und Arbeiten von Architekten befindet sich irgendwo zwischen den Welten der Kunst, der Organisation und der Wissenschaft.

Architektur ist kunstvoll. Architektur fängt mit der Kunst an. Der Entwurfsprozess ist einer, der von Freiheit geprägt ist, von Neugierde und Ausprobieren. Um neue Formen zu entwickeln muss man sich frei machen von allem, was ist und bereits war. Man entwirft ein Gebäude nicht wie Zaha Hadid, indem man schaut, was in der Geschichte passiert ist und wie bisher gebaut wurde. Man entwirft etwas außergewöhnliches, indem man sich von Vorgaben und Theorie entfernt und stattdessen skulpturiert. Im Modellbau gibt es so viele Wege und Möglichkeiten, neue Formen zu entdecken und auszuprobieren. Es muss nicht immer ein rechteckiges Gebäude sein, das von einem Satteldach gekrönt ist, sondern die Formfindung sollte eine sein, bei der man sich inspirieren lässt, bei der man Alltagsgegenstände anschaut und diese zu einer begehbaren Skulptur weiterentwickelt. Wenn man Architektur entwirft, dann kann man so vorgehen, dass man von Innen nach Außen entwickelt. Aber wahre Kunstwerke erschafft man dadurch, dass man sich Dinge traut und den Entwurf frei gestaltet. Denn Kunst hat immer als oberste Priorität, etwas zu gestalten. Der Nutzen ist, wenn es überhaupt einen gibt, immer zweitrangig.

Nachdem der Entwurf und die Idee stehen, kommt der konkrete Teil. Bevor der Bauprozess anfangen kann, muss das Gebäude durchgeplant sein. Das bedeutet, der Zweck muss integriert werden. Welche Räume müssen in dem Gebäude Platz finden? Welche Möglichkeiten muss es bieten? Welche Dinge sind grundlegend und welche kann man eventuell etwas freier interpretieren? Natürlich sollte man bei den Grundrissen auch etwas Kunst beibehalten, aber es muss auch schon korrekter werden. Architekten sitzen zwischen den Stühlen. Auf der einen Seite hat man einen künstlerischen Entwurf entwickelt, auf der anderen muss man einen Weg finden um Statik und ähnliche Dinge zu erfüllen. So muss die Tragkraft der Wände, des Skelettes genau ausgerechnet werden. Man muss eventuell einige Kompromisse eingehen, aber man sollte gleichzeitig auch versuchen, so weit wie möglich an dem Konzept festzuhalten und mit den jeweiligen Experten auf die Suche nach unkonventionellen Möglichkeiten zu gehen.
Ein weiterer Aspekt, den man korrekt einhalten muss, ist das Budget. Selten ist dieses unbegrenzt. Hier gibt es auch wenige unkonventionelle Möglichkeiten, aber es lassen

sich immer Prioritäten setzen, die allerdings auch mit dem jeweiligen Bauherren abgesprochen werden müssen.

Nun fängt das großartige Spiel der unter dem Licht versammelten Baukörper an. Architektur ist ein großartiges Spiel. Es ist ein Zusammenspiel von verschiedenen Welten, Künstlern, Theoretikern, Mathematikern, Handwerkern und Bauherren. Der Architekt hat immer die Aufgabe sowohl all diese Menschen und Gruppen, als auch deren Bedürfnisse zu koordinieren und zusammenzuführen. Das benötigt einiges an Geschick.

Wenn man dann am Ende vor den unter dem Licht versammelten Baukörpern steht, kann man nur staunen. Man sieht nicht die Arbeit, die Nerven, die Kompromisse, die Diskussionen, die nötig waren um dieses Bauwerk zu erschaffen. Man sieht nur das Endprodukt. Ob es genauso ist, wie der Architekt sich das vorgestellt hat, ist fraglich. Aber wenn man es auf sich wirken lässt, kommt man wieder an den Anfang zurück – man versteht nicht alles, man weiß nicht, warum es so ist, wie es ist, aber man kann die Schönheit und das Handwerk dahinter genießen.

versammelte Baukörper
CasaNova in Rotterdam

Die Wichtigkeit und Wirkung des Lichts sind dabei nicht zu verachten. Weder im Außenbereich, noch im Innenraum. Um eine komplette Komposition des Entwurfs zu erreichen, müssen das Licht und die Leuchten genauso akribisch und korrekt geplant sein, wie der Rest. Natürlich leuchten irgendwelche Lampen den Raum auch aus, allerdings hat das Licht, genauso wie jeder andere Bestandteil des Entwurfs, das Potential den ganzen Entwurf zu zerstören, es ungenießbar zu machen. Lichtfarbe, Verteilung und Intensität sind ein kritischer Bestandteil um eine Atmosphäre zu schaffen. Egal, ob man es richtig einzusetzen weiß oder nicht, wird bei der Einrichtung eines Raumes eine Atmosphäre geschaffen. Ob diese angenehm ist und zum Verweilen einlädt, hängt davon ab, ob die Dinge richtig geplant wurden. So muss in jedem Raum, je nach Nutzung, entschieden werden, wie er wirken soll und ob Menschen nur auf der Durchreise sind, es sich dort gemütlich machen sollen oder ob die Aufmerksamkeit auf etwas bestimmtes gelegt werden soll. All das kann man mit dem Licht und dem entsprechenden Entwurf beeinflussen. Ebenso verhält es sich damit, ob die Architektur, die Kunst, in Szene gesetzt wird oder nicht.

Im Außenbereich muss der Schattenwurf beachtet werden. Wenn der Baukörper Vor- oder Rücksprünge hat, ist zu beachten, ob es die Fassade interessanter macht oder zu unruhig. Auch muss darauf geachtet werden ob der natürliche Tageslichteinfall den Entwurf unterstreicht oder ihn zunichtemacht und wo die Aufmerksamkeit des Betrachters hingelenkt wird. Und so muss das Gebäude zusätzlich – sollte es in der Dunkelheit zugänglich sein – mit Kunstlicht in Szene gesetzt werden. Die Atmosphäre eines Gebäudes ist im Zusammenhang mit derer der Straße oder dem Platz auf dem es steht zu betrachten und entweder anzupassen oder hervorzuheben.

Licht Atmosphäre
Markusplatz in Venedig

Das Zitat von Le Corbusier ist zeitlos, genau wie gute Architektur es sein sollte. In der näheren Betrachtung ist alles, was man für eine gute Architektur braucht, darin aufgeführt. Durch die Widersprüche in den Worten selbst, werden die Widersprüche und gleichzeitig die Schönheit von Bauwerken hervorgehoben und herunter gebrochen. Eines der schönsten Erlebnisse, die ich bisher hatte, ist gleichzeitig die

Materialisierung dieses Satzes. Wenn man den Markusplatz in Venedig bei Nacht betritt, ist es , als würde man in diesen Satz hereintreten. Man sieht das Kunstvolle, das einem den Atem verschlägt. Man sieht das Korrekte in den strukturierten Fassaden der Häuser. Man sieht das großartige Spiel der verschiedenen Baukörper, das durch die Beleuchtung eine märchenhafte Atmosphäre entsteht.